






Foto: Vanessa Hundertpfund
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Ausstellungstext von Christin Bühler
Wenn im August der Sommer kaum verflogen scheint, setzt für den Pirol bereits der Herbst ein. Sein Zug beginnt früher als man erwartet und führt auf schnellstem Weg in die Winterquartiere nach Subsahara Afrika. Doch obwohl die Reise weit ist, folgen Pirole keiner festen Zugroute: Ihre Routen fächern auf wie offene Hände. Über Halle, Jáchymov, Wien, Rom, Marseille – ein breiter Strom aus Körpern, die sich nicht bündeln lassen. Es ist eine Bewegung, die weniger auf Pfade verweist als auf ein Gespür für Wind, Magnetfeld und Licht: jene vererbten inneren Kompasse, die Orientierung zugleich ermöglichen und begrenzen. Wo Lichtverschmutzung den Himmel verändert, geraten manche dieser Signale ins Flirren.
Der Pirol ist ein seltener Anblick, ein fast unwahrscheinlicher Farbfleck im Blätterdach. Und doch hinterlässt er deutliche Spuren: Gelbtöne wie Safran, Zitronenschalen oder Sonnenstrahlen. Ein Gelb, das fast zu laut wirkt für einen Vogel, der sich so gut verbirgt. Während die Altvögel bereits den Zug vorbereiten, starten die jungen Pirole erst ihre ersten Flugversuche. In diesen Bewegungen liegt ein tastendes Erwachen – eine Lebendigkeit, die sich über Wasseroberflächen spiegelt, flatternd, unsicher, aber von Beginn an mit Richtung.
In dieser Offenheit formiert sich die Ausstellung. Die künstlerischen Arbeiten berühren den Pirol nicht direkt — sie rühren eher an jenem Feld aus Wissen, Bildlichkeit und Bewegung, das sich um ihn spannt. Der ornithologische Hintergrund wird so zu einer Art subkutaner Struktur, einem feinen Gewebe, das zwischen den Werken zirkuliert. Ein Geflecht aus Jahreszeiten, inneren Kompassen, zarten Störungen, Energieflüssen, Zeitverschiebungen, Materialwegen.
Die Werke verhandeln Kräfte, die wie der Vogelzug unsichtbar wirken: Strahlung, Energieübertragung, feine Impulse, die etwas in Gang setzen oder verändern, ohne dass man sie greifen kann. Strahlung etwa, die sowohl zerstörerisch als auch heilend wirkt, messbar und doch unfassbar – und die Frage provoziert, wie Vögel auf diese unbemerkbaren Zonen reagieren. Andere Arbeiten greifen innere Steuerungen auf, erinnern an Batteriefächer, Fernbedienungen, Windzüge – Übertragungen von Energie, die ebenso rätselhaft wie notwendig sind.
Auch Zeit wird hier greifbar, als etwas, das Vögel tastend lesen müssen: der Moment des Rückzugs ins Brutgebiet, manchmal noch aufgeschoben, wenn es dort zu kalt bleibt. Zeit als Strom, als Verzögerung, als Umkehr. Rhythmen spiegeln sich in Materialien, die selbst aus Umläufen stammen: dekonstruierten Netzen, Fäden, Garnspulen. Orte, an denen Vögel und menschliche Geschichten einander berühren: in Fischernetzen, in verwehten Resten, in den stillen Dingen, die von Gebrauch und Vergessen erzählen.
Auch das Lied des Pirols wandert. Es trägt die Geräusche der Überwinterungsgebiete mit sich, verändert sich, passt sich an. Zu Beginn der Brutzeit klingt es anders als zu ihrem Ende – vielleicht, weil der Vogel den lokalen Dialekt neu erlernt. In dieser Verschiebung zeigt sich, was Wissen sein kann: mobil, durchlässig, geprägt von Orten.
Und schließlich erscheint der Lebenszyklus selbst: ein Kreislauf, der immer wieder neu ansetzt, in dem Vogel, Mensch und die Fülle aller bestehenden Materialitäten sich nicht als getrennte Entitäten zeigen, sondern als ineinander verflochtene Existenzen, die Spuren hinterlassen — manche sichtbar, manche sedimentiert im Vergessen, manche nur als Restenergie in anthropogenen Landschaften.
Vielleicht ist es eine Fügung, ein Aufblitzen, eine leichte Verschiebung, dass die künstlerischen Arbeiten sich gerade hier treffen: im breiten Raum zwischen Wissen und Intuition, zwischen Ornithologie und Imagination, zwischen Zugroute und ästhetischer Drift. Im Horizont dieser Vielschichtigkeit zeigt sich — manchmal nur für einen Augenblick — ein Pirol.
katharina.briksi(at)gmail.com
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